Das Abschiedsbild
Lange haben Jonas und ich zusammen gearbeitet. Immer wieder gab es ein neues Therapieziel, so dass wir viel zu tun hatten. Doch jetzt ist alles geschafft, und wir können die Therapie erfolgreich beenden. Irgendwie schwingt auch ein bisschen Wehmut mit, denn wir hatten es trotz aller Herausforderungen immer gut miteinander.
Das Mangelbild
Jonas ist ein Heimkind, und so empfindet er subjektiv ständig einen Mangel: Mangel an Zuwendung, Mangel an Geduld und Nachsicht, Mangel an materiellen Gütern. Obwohl er im besten Kinderheim der Stadt mit herzensguten Erzieherinnen aufwächst, fühlt er sich ständig ungerecht behandelt. Und so zeichnet er zu Beginn unserer Therapiezeit ein Bild, auf dem er seine Wünsche zum Ausdruck bringt. In der Mitte des Bildes steht ein riesiges Haus mit vielen Zimmern, eines davon gefüllt mit einem Berg voll Geld. Neben dem Haus befindet sich der Pool und davor eine goldene Limosine. Als ich ihn frage, was er mit dem ganzen Geld machen möchte, fällt ihm nichts ein. Hauptsache, das Zimmer ist damit gefüllt. Das Bild heftet er stets als oberste Seite seines Therapiehefters, damit es sofort sichtbar ist. Es bringt sein ganzes Mangelgefühl zum Ausdruck, welches er vermutlich in seinen ersten Lebensjahren erfahren hat und bis heute nachwirkt.
"Ich male was für Dich"
Nachdem wir in der letzten Therapiestunde unsere Übungen erledigt haben, breite ich ein großes Blatt Papier vor ihm aus. Es ist eine Einladung an ihn, nach Herzenslust auf dem riesigen Format zu arbeiten. "Ich male etwas für Dich, aber Du musst mitmachen.", sagt er. Jonas beginnt zu zeichnen und weist mich genau an, was ich mit welcher Farbe wohin zeichnen soll. Er bestimmt ganz genau, wie das Bild aussehen soll. Vor allem aber kann er mich die Dingen zeichnen lassen, die ihm selbst zu schwierig erscheinen. Und so entsteht Stück für Stück ein prächtiges Bild.
Das Wunschbild
Am Ende erklärt mir Jonas alles: "Also, das ist Dein Haus. Es ist groß, damit auch Platz für Deine Freunde ist" (Wunsch: soziale Gemeinschaft). "Da ist ein großer Baum mit Früchten." (Wunsch: Fülle und Reichtum). Draußen ist noch ein Picknickplatz. Da kannst Du es Dir gemütlich machen. Und Du hast einen Garten mit Gemüse. Du stehst da draußen mir dem blauen Pullover" (Wunsch: Naturverbundenheit). "Ich habe Dir auch einen Parkplatz für Dein rotes Auto gezeichnet, damit Du zur Arbeit fahren kannst." (Wunsch: Sinnhaftlichkeit durch Arbeit). "Oben und unten habe ich Dir noch ein paar Aufpasser gemalt, damit Dir nichts passiert." (Wunsch: Engel, die über mich wachen). Es hat alles auf dem Bild, was es braucht, um ein glückliches und zufriedenes Leben zu führen. Jonas wünscht mir ein rundum gutes Leben.
Seelische Entwicklung durch Kunsttherapie
Mich beeindruckt das Bild insofern, als dass Jonas alle Lebensbereiche aufgegriffen hat, für uns relevant sind. Und gleichzeitig unterscheidet es sich gravierend von seinem eigenen Wunschbild, welches er vor über einem Jahr angefertigt hat. Dieses hat sich ausschließlich auf materiellen Wohlstand bezogen: die große Villa mit Pool. In seinem neuen Wunschbild hat sich eine tiefgreifende Wandlung vollzogen: von Schutz und materieller Sicherheit (Haus mit Garten) bis hin zur Spiritualität (Engel, die auf mich aufpassen). Jonas hat keinen Haufen Geld ins Haus gemalt, weil es das nicht braucht. Seine Seele weiß nun, was wirklich wichtig im Leben ist. Alle seine Wünsche für mich wirken vor allem aber auch auf ihn selbst - und sie wirken, da bin ich mir sicher.