ADHS oder verhaltensgestört?
Unruhe und auffälliges Verhalten
Als der siebenjährige Philipp zum ersten Mal mit seiner Mutter zu mir kommt, erahne ich schon bei der Begrüßung, das die Arbeit mit diesem Kind sehr anstrengend sein wird. Ich bitte Mutter und Sohn in den Therapieraum, um gemeinsam ihr Anliegen und das mögliche Therapieziel zu besprechen. Doch mit der Mutter kann ich kaum ein Gespräch führen. Philipp redet ständig rein, unterbricht uns, steht auf, wird laut. Zu dritt können wir nicht arbeiten, das steht fest. Und obwohl ich die Eltern während der Therapie immer gern dabei habe, bitte ich die Mutter, beim nächsten Termin im Warteraum Platz zu nehmen.
Maximale Erschöpfung nach 45 Minuten
Eine Woche später arbeite ich mit Philipp allein. Ich beginne mit einfachen Aufgaben: Laute erkennen, zuordnen, sich merken usw. Doch Philipp schafft es noch nicht einmal, während der Aufgabenstellung zuzuhören, um zu wissen, was er überhaupt machen soll. Er dreht sich weg, unterbricht mich, zappelt, springt auf, lenkt ab. Er plappert Dinge, die nicht zum Thema gehören. Seine Unruhe ist kaum auszuhalten, und die Therapiestunde wird für mich zur Schwerstarbeit. Nach 45 Minuten bin ich völlig erschöpft, dabei ist noch lange kein Feierabend in Sicht.
Sprechen im Imperativ
Mit Philipp spreche ich eine klare Sprache. Ich verwende kurze Sätze und spreche im Imperativ: "Schau mich an.", "Hör mir zu.", "Setz dich wieder hin." usw. Alle paar Minuten wiederhole ich mich, jedoch ohne ungeduldig oder laut zu werden. Diese monotone Arbeit ist extrem anstrengend, aber eine andere Lösung sehe ich nicht. Wenn Philipp wieder aufspringt, sich um seine eigene Körperachse dreht und orientierungslos durch den Raum läuft, fordere ich ihn immer wieder auf, sich an den Tisch zu setzen. Die Therapiestunde baue ich immer gleich auf: kurze Übungen, die sich abwechseln, häufige Wiederholungen, einfache Sätze in der Ansprache. Was aber auch nicht vergessen werden darf: für Philipp ist es mindestens genauso anstrengend, steht er sich doch ständig selbst im Weg.
Erste Erfolge
Mein konsequentes Vorgehen zeigt schnell erste Erfolge. Bereits in der zweiten Behandlungseinheit springt Philipp nicht mehr ganz so oft auf. In der dritten Stunde schafft er es mir zuzuhören, wenn ich im eine Aufgabe stelle. Vor allem aber verändern sich seine Motivation und Ausdauer. Die einzelnen Übungen kann er vollständig und bis zum Schluss durchführen. Und plötzlich erkennt er, was er geleistet hat. "Das kann ich ja!", sagt er staunend, als ich ihn darauf hinweise, was er alles geschafft hat. Er ist stolz auf sich und läuft in den Warteraum zu seiner Mutter. "Schau mal, was ich geschafft habe." und hält das Arbeitsblatt seiner Mutter direkt vor das Gesicht. Die Mutter ist überglücklich, erhält sie doch ständig Beschwerden über das Verhalten ihres Sohnes von der Lehrerin. Jetzt ist es für Philipp und mich nicht mehr anstrengend, und wir freuen uns jede Woche auf unsere gemeinsame Therapiestunde.
ADHS oder verhaltensgestört?
Ab der fünften Therapiestunde können wir ganz normal arbeiten, als wäre es nie anders gewesen. Philipp setzt sich an den Tisch, verschränkt die Arme, schaut mich an und wartet auf die erste Aufgabe. Immer wieder staunt er über seinen eigenen Lernerfolg, denn ich gestalte die Übungen immer schwieriger. Wir kommen immer besser voran und können die gesamte Stunde intensiv arbeiten. Philipp springt auch nicht mehr auf und läuft mit den Armen wild gestikulierend durch den Raum. Aber was ist es denn nun: ADHS oder verhaltensgestört? Da ich keine Psychologin bin, möchte ich mir eine fachliche Einschätzung nicht anmaßen. Letztendlich spielt es auch für mich keine Rolle, denn ich kann meinen therapeutischen Auftrag vollständig erfüllen. Eines kann ich jedoch mit Gewissheit sagen: Klare Regeln, wiederkehrende Strukturen, Verlässlichkeit und Konsequenz helfen Kindern wie Philipp zum Lernerfolg.