Kommunikation über das Gestalten
Wenn die Sprache verloren geht
Menschen mit einer Aphasie (z.B. nach nach einem Schlaganfall) sind in ihrer Sprache auf verschiedene Art und Weise beeinträchtigt. Während manche Menschen nach einiger Zeit zurück zur Sprache finden und ihren Alltag wie vorher bewältigen, bleiben bei anderen Personen die Probleme bestehen. Manchmal finden sie nicht wieder zurück zur Sprache. In diesem Fall geht es in der Logopädie darum, die vorhandenen kommunikativen Fähigkeiten zu erhalten. Das kontinuierliche, oft jahrelange Üben verhindert einen Abbau von dem, was noch vorhanden ist. So werden Rückschritte verhindert.
Eine andere Form der Kommunikation
Besonders anspruchsvoll ist die Situation, wenn Menschen mit Aphasie keine oder nur noch wenige Wörter sprechen können. Auch nach jahrelanger und intensiver Therapie zeigen sich scheinbar kaum Fortschritte. Aber wie gesagt, nur scheinbar, denn das ist nicht der Fall. Die Kommunikation ist anders, und wir müssen sehr genau beobachten. Manchmal ist es nur das Augenzwinkern oder eine Handbewegung, die etwas zum Ausdruck bringen möchte. In diesem Fall suchen wir andere Möglichkeiten, um miteinander in Kontakt zu treten. Sprache ist nur eine Möglichkeit, um miteinander zu sprechen.
Wenn Farbe und Form sprechen
In meiner Arbeit nehme ich die Kommunikation auf einen anderen Weg auf: den Weg der Formen und Farben. Über das Gestalten kann der Patient sich selbst zum Ausdruck bringen und das ohne Worte. Es entsteht ein Dialog zwischen mir und dem Patienten, so dass ich dabei die kommunikativen Fähigkeiten fördere. Es ist einfach ein anderer Kanal: anstatt über Worte kommunizieren wir über das Malen und Zeichnen. Und es ist eine ganz einfache Möglichkeit. Selbst wenn eine Hand gelähmt ist, kann mit der gesunden Hand gearbeitet werden. Kunsttherapie braucht nicht schön sein, so dass die malerische Qualität nicht von Bedeutung ist.
Das Dialogische Malen in der Logopädie
Eine Möglichkeit ist die Methode des Dialogischen Malens. Abwechselnd malen oder zeichnen wir auf ein gemeinsames Blatt Papier. Es ist wie beim Sprechen: eine Person sagt etwas und die andere antwortet darauf. So entsteht ein Gespräch oder eine Geschichte, die wir gemeinsam erzählen. Je nach Möglichkeiten "sprechen" wir auf unterschiedliche Art und Weise miteinander. Aphasiker mit leichten Wortfindungsstörungen entwickeln mit mir beispielsweise eine Geschichte mit Figuren oder Gegenständen, die wir im Anschluss versprachlichen. Menschen, die kaum über Wörter verfügen, gestalten mit mir ein Blatt Papier mit unterschiedlichen Farben. Wir verwenden dabei auch die Grundformen wie Kreis, Quadrat oder Spirale. Die Arbeit dabei ist nie kindlich, sondern entspricht immer erwachsenen Patienten.
Sich zum Ausdruck bringen
Auf dem Foto sieht man deutlich, wie hier eine sehr harmonische Arbeit im Hausbesuch entstanden ist. Zuerst habe ich links oben auf dem Blatt das erste Feld mit einer Farbe ausgemalt. Im Anschluss hat der Patient im zweiten Feld darauf geantwortet usw. Die Farben beziehen sich aufeinander und ergeben in der Gesamtheit eine ausgeglichene Wirkung. Die seelische Verfassung von Patienten ohne Sprache wird durch das Gestalten sichtbar. Wir erkennen das Schöne, das Eigentliche im Menschen. Und der Mensch fühlt sich gesehen. Diese Momente sind gerade für Aphasiker ganz besondere.
Die Kommunikation durch die Kunsttherapie ist eine besondere: das Fragen und Antworten, die gegenseitigen Reaktionen auf den Kommunikationspartner, aber auch die Emotionen wie die aktuelle Tagesverfassung sind unmittelbarer und auch direkter, als wir es überhaupt in Worte fassen können. Es berührt mich sehr, welche Arbeiten mit Menschen entstehen, die über das Gestalten ihre starke Ausdruckskraft sichtbar machen.