Der Haifisch als Symbol - Umgang mit Aggressionen

Der Haifisch als Symbol – Umgang mit Aggressionen

Der Haifisch als Symbol - Umgang mit Aggressionen

Aggressionen im Alltag

Finn kommt zu mir in  die Praxis. Neben den logopädischen Problemen und seiner auffallend heiseren Stimme sind seine Erzieherinnen und seine Lehrer verzweifelt. Im Alltag bedroht er andere Kinder, so dass immer wieder gefährliche Situationen entstehen. Dabei entwickelt Finn ungeahnte körperliche Kräfte. In der ersten Stunde begegnet mir ein offener Junge, der viele Fragen stellt und mit Neugierde alles aufsaugt. Über sein Verhaltensproblem spreche ich nicht mit ihm. Stattdessen lege Finn ein Blatt Papier auf den Tisch und lade ihn ein, etwas zu zeichnen.

Der Impuls kommt sofort

Immer wieder ist es erstaunlich, dass jeder Mensch genau weiß, was seine Seele gerade beschäftigt. Gerade Kinder haben einen direkten Zugang zu sich selbst, solange wir nicht "verkopft" mit ihnen kommunizieren. So ist es auch bei Finn. Er zeichnet sofort drauf los, und in einer einzigen klaren Linie entsteht der Umriss eines Fisches. "Das ist ein Hai.", erklärt er mir. So richtig zufrieden ist er jedoch noch nicht. "Schau mal, da fehlen noch die Kiemen", weise ich ihn behutsam hin. Gemeinsam gehen wir zu einer Kiste, die voller Tiere ist, und er sucht den Hai heraus. Er legt ihn vor sich auf den Tisch, beobachtet ihn ganz genau, verändert die Flossen und ergänzt die Kiemen. Jetzt erkennt man den Hai ganz genau.

Der Haifisch als Symbol

Kein Meerestier wird von den Menschen mit so deutlicher Gewalt und Aggression in Verbindung gebracht wie der Hai. Jeder kennt die Schreckensbilder in Zusammenhang mit Haien aus den Medien, vor allem aus den Kinofilmen. Finn hat ohne Aufforderung  genau das Tier gezeichnet, was seine Stimmung am besten symbolisiert. Bei all den Schwierigkeiten und Herausforderungen in seinem Alltag weiß er keinen anderen Weg, als seine seelische Not durch körperliche Aggressionen zum Ausdruck zu bringen. Da dieses Thema für ihn so wichtig ist, setzt er sich mit diesem Tier über viele Wochen intensiv auseinander, zeichnet und malt es immer und immer wieder auf's Neue.

Wenn der Platz nicht reicht

In der nächsten Stunde lege ich Finn ein größeres Blatt Papier hin, aber es reicht einfach nicht aus. Der Hai passt nicht auf das Blatt. Wieder und wieder lege ich ein Blatt an, und dennoch ist der Platz zu begrenzt. Finn malt auf dem Fußboden, und das Papier nimmt fast den gesamten Raum ein. Lebendig hüpft er hin und her, malt den Hai in seiner Größe, und doch spüre ich, dass er noch mehr Platz benötigt.

Eine Woche später habe ich eine große Papierrolle vorbereitet. Ich frage Finn, ob er sich vorstellen könnte, draußen auf dem Hof zu malen. Finn ist begeistert. Es stört ihn keineswegs, dass vereinzelt Menschen über den Hof laufen, denn er ist zu sehr beschäftigt mit seinem riesigen Hai. Seine Freude ist grenzenlos, endlich hat er genug Platz zum Malen. Der Hai mit seinen gefährlichen Zähnen ist nun für jedermann sichtbar. Er ist mehrere Meter lang und mit kräftigen Pinselstrichen gemalt. Ich habe Finn den Raum gegeben, den er benötigt, um seine Aggressionen sichtbar zu machen, ohne jemanden zu gefährden.

Grenzen akzeptieren

Nachdem der Hai eine riesige Größe erreicht hat, ändere ich mein therapeutisches Vorgehen. Das Format wird nun Woche für Woche wieder kleiner, bis wir ein DIN-A 4 Blatt erreicht haben. Doch Finn fällt es schwer, nicht über das Blatt zu malen. Gemeinsam besprechen wir nun die "Malregel", dass nicht über das Blatt gemalt wird. Finn konzentriert sich sehr, doch diese Aufgabe fordert ihn. Es kommen nun aber auch andere Wassertiere dazu. Jetzt malt er nicht nur den Hai, sondern andere Fische, Meeresschildkröten, Quallen und Krebse. Der gefährliche Hai ist nun nicht mehr allein. Vor allem aber ist er viel kleiner und ungefährlicher geworden.

Erfolgreicher Therapieabschluss

Nach vielen Wochen der therapeutischen Auseinandersetzung entwickelt wir die Idee, aus dem Stapel der DIN-A-4 Zeichnungen ein Buch zu binden. Finn heftet alle Bilder zusammen und gestaltet einen Buchdeckel. Schließlich erzählt er mir eine Geschichte vom Hai und seinen Freunden im Meer. Seine Aggressionen zeigen sich zwar noch gelegentlich, doch die Fremdgefährdung hat deutlich nachgelassen. Finn hat gelernt, sich an bestimmte Regeln und Grenzen zu halten und fühlt sich nicht mehr allein mit seinen Problemen. Wir können die Therapie erfolgreich beenden.